Managerkommentar 29.04.2010: Kreditvergabe und Kreditwürdigkeit in der EU

Der Volksmund sagt, dass man nur Kredit bekommen kann, wenn man zeigen kann, dass man den Kredit eigentlich nicht braucht. Der Fall Griechenland ist anders. Griechenland bekommt sogar Kredit obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass das Land die Kredite nicht zurückzahlen kann.

Kreditwürdigkeit und Kreditvergabe

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Tatsache, ob jemand kreditwürdig ist oder Kredit erhält. Die Kreditwürdigkeit hängt vor allem davon ab, ob der Schuldner seine Kredite mit Zinsen tilgen könnte. Diese Tilgungsfähigkeit basiert auf den künftigen Einnahmen und Ausgaben des Schuldners. Sie ist grundsätzlich unabhängig davon, ob Kreditgeber bereit wären, einen Kredit zu vergeben.

Eine umgekehrte Welt

Im Moment wird von vielen Seiten, insbesondere seitens mancher Politiker und Medien, versucht, die Beziehung zwischen Kreditwürdigkeit und Kreditvergabe auf den Kopf zu stellen. So wird gerne argumentiert, dass Griechenland neue Kredite braucht, weil das Land sonst die bestehenden Kredite nicht mehr bedienen könnte.

Eine Hilfe mag grundsätzlich sinnvoll sein. Aber nur, wenn das Land hinterher eine Chance hat, die Kredite auch tatsächlich zurückzuzahlen. Obwohl die Faktenlage sich täglich ändert und eine verlässliche Einschätzung derzeitig kaum möglich ist, spricht vieles dafür, dass Griechenland die Notkredite nicht zurückzahlen wird können. Das bedeutet, dass der Schaden nicht abgewendet wird, sondern lediglich in die Zukunft und vom Kreditnehmer auf die Kreditgeber übertragen wird.

Diese unausweichliche Konsequenz wird derzeit von vielen Beteiligten ignoriert oder verschwiegen. Das führt gelegentlich zu absurden politischen Aussagen und Forderungen.

Ratingagenturen und Kreditgeber seien Schuld

Erst vor kurzem hatte die Politik beschlossen, den Ratingagenturen im Rahmen von Basel II mehr Bedeutung zu verleihen. Ebenso wurden die Ratingagenturen dazu angehalten, Probleme nicht mehr zu beschönigen. Jetzt treffen die Folgen daraus nicht nur Unternehmen, sondern auch Staaten wie Griechenland, Portugal und Spanien. Und siehe da, der Ruf nach staatlichen Ratingagenturen wird laut. Aber wenn staatliche Ratingagenturen unabhängig sein sollten, könnten auch sie zu keiner anderen Schlussfolgerung kommen als die heutigen Ratingagenturen Standard & Poor’s, Fitch Ratings und Moody’s. Natürlich sind die heutigen Ratingagenturen nicht frei von Eigeninteressen und politischen Einflüssen. Aber staatliche Ratingagenturen wären das mit Sicherheit noch weniger. Die staatliche Ratingagentur würde die Qualität der Staatsanleihen bewerten. Man würde den Bock zum Gärtner machen.

Eine andere populistische Darstellung ist die Formulierung, Spekulanten hätten Griechenland in die Knie gezwungen. Es ist mit Sicherheit so, dass große Spekulanten Marktentwicklungen verstärken können. Aber sie können nur mit dem Strom der Fakten schwimmen. Griechenlands Finanzprobleme sind ausschließlich hausgemacht. Stärker noch, Griechenland hat viel dazu getan, seine Probleme zu verschleiern. Als klar wurde, dass Griechenland Probleme hatte, haben die Anleger, die Griechenland finanzieren sollten lediglich einen marktgerechten Preis verlangt, der das Insolvenzrisiko von Griechenland wiederspiegelt.

Die Politiker, die heute beklagen, dass Investoren die Anleihen risikobewusst bewerten, sind die gleichen Politiker, die vor kurzem beklagten, dass Anleger in der Subprime-Krise die Anleihen nicht risikogerecht bewertet hätten.
Unter Bankern, Investoren und Wissenschaftlern ist es sehr umstritten, ob Griechenland und den anderen EU-Ländern damit geholfen ist, dass die Finanzprobleme des Landes auf die anderen Länder übertragen werden und Banken sowie Investoren möglicherweise subventioniert werden. Die Griechen haben bis jetzt keine ernsthaften Versuche unternommen, ihre Lage transparent zu kommunizieren und ausreichende Gegenmaßnahmen für die nächsten Jahre zu nehmen. Natürlich ist auch das ein schwieriges Thema. Denn niemand möchte, dass das Land durch die Frust der Bevölkerung im Chaos versinkt. Die erforderlichen Maßnahmen können nur sorgfältig und mit großer Umsicht in die Wege geleitet werden.

Die EU hätte keinen Retter in der Not

Bei all diesen Schwierigkeiten sollten wir uns einer Tatsache bewusst werden. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Rettung der Banken und der Rettung der EU. Als die Banken gerettet wurden, hat sich jedes Land um seine eigenen Banken gekümmert. Die nationalen Interessen wurden größtenteils nicht verletzt. Wenn wir innerhalb der EU die finanziellen Schäden aus der fehlenden Haushaltsdisziplin der schwächeren Länder auf die stärkeren EU-Länder übertragen, entschwindet die Verantwortung für das eigene Handeln. Sollte die EU dadurch in tiefere Probleme geraten, gibt es keinen Retter mehr, dem die Eigeninteressen der Europäer am Herzen liegen. Weder Amerika, China, noch die arabische Welt, Russland oder Brasilien würden uns uneigennützig helfen. Wir würden unsere finanzielle und damit unsere politische Selbständigkeit verlieren.

Retten wir Griechenland vor oder nach der Insolvenz?

Vor diesem Hintergrund wäre eine begleitete Insolvenz Griechenlands, in Kombination mit einem starken EU-Marshall-Plan für Griechenland eine umstrittene aber überlegenswerte Alternative. Wie bei jeder anderen Insolvenz auch, ist es viel einfacher, die notwendigen Restrukturierungen vorzunehmen, wenn die handelnden Personen bereits mit den Folgen ihrer Fehler konfrontiert worden sind.

Noch besser wäre es, wenn die EU-Länder es schaffen würden, Griechenland und andere Problemländer frühzeitig zu der wirklich notwendigen Restrukturierung und Verbindlichkeit in ihrem Handeln zu verpflichten. Die erforderliche Verbindlichkeit für späteres Handeln der Griechen ist nur sehr schwer zu erreichen. Im Moment würden wir das Taktieren von Angela Merkel in diesem Sinne interpretieren. Es ist zu hoffen, dass Deutschland und andere finanziell gesunde EU-Länder sich durchsetzen können.

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Marcel van Leeuwen

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