Managerkommentar 17.08.2010 - Focus: Inflation: Wenn das Geld billiger wird, wird das Leben teurer
Die amerikanische Notenbank sieht in ihrem jüngsten Federal Open Market Committee Bericht eine tendenziell sinkende und niedrige Inflation. Gleichzeitig steigen in den USA, England, Deutschland und in vielen anderen Ländern die Kosten für Lebensmittel und Energie. Passt das zusammen?
Heute wurden die jüngsten amerikanischen PPI-Daten (Producer Price Indices, Preisänderung bei im Inland produzierten Lebensmittel und Energie) bekannt gegeben. Demnach stiegen die Preise in diesem Bereich um 4,2% auf Jahresbasis. Im Vormonat betrug die Preisänderung auf Jahresbasis lediglich 2,8%. Damit liegt die Teuerungsrate bereits wieder auf einem historisch hohen Niveau. In England liegt die Inflation bereits seit mehreren Monaten über drei Prozent. In Deutschland berichten die Medien aktuell verstärkt über Preissteigerungen bei Lebensmitteln.
Was sind die Ursachen für diese Preissteigerungen? Neben den jüngsten Katastrophen und der kontinuierlich wachsenden Nachfrage nach Rohstoffen und Energie wird die Finanzspekulation oft als Ursache erwähnt. Das stimmt nicht unbedingt, denn die Ursachenanalyse greift entscheidend zu kurz. Die Finanzspekulation ist keine Ursache, sondern eine Folge, die aus der eigentlichen Ursache hervorgeht. Diese Ursache tritt aber kaum ans Tageslicht.
Stellen Sie sich vor, wir würden unsere Häuser und Autos so kaufen, dass sie gerade unser Basisbedürfnis an Unterbringung und Transport erfüllen. Unsere Häuser und Autos wären sicherlich kleiner und weniger luxuriös als der Durchschnitt der heute gekauften Häuser und Autos. Warum kaufen Menschen mehr als sie im Minimalfall brauchen? Weil sie von dem Mehr einen Vorteil erwarten und sie es sich leisten können. Sobald sie es sich nicht mehr leisten können, werden die gekauften Häuser und Autos automatisch kleiner. Nicht nur im Investmentgeschäft, sondern im gesamten privaten, industriellen und finanziellen Investitionsgeschäft spielt die Zinshöhe somit eine zentrale Rolle. Sobald die Zinsen ansteigen, werden zum Beispiel Hypotheken teurer und die Nachfrage nach Häusern schwächt sich ab, wodurch die Häuserpreise sinken oder nur langsam ansteigen.
Bei dem Handel mit Rohstoffen und Energie ist das nicht anders. Sind die Zinsen niedrig, können alle Marktteilnehmer sich billige Kredite leisten, die sie dann wieder in die Märkte investieren, wodurch die Preise steigen. So entsteht eine selbsterfüllende Prophezeiung. Ein manchmal gefordertes Verbot von Handel in Rohstoffen ist in der Praxis kaum eine Lösung. Die leicht mal erwähnte Motivation der Finanzspekulation ist in der Praxis nicht von anderen Motivationen zu trennen. China sichert sich seit mehreren Jahren systematisch Rohstoffe im Ausland. Wenn diese Motivation als Finanzspekulation einzustufen wäre, würden alle Marktteilnehmer nichts anderes als Finanzspekulation betreiben. Trotzdem leistet das chinesische Vorgehen einen massiven Beitrag zur Preiserhöhung. Warum können die Chinesen sich diese Vorgehensweise leisten? Weil sie das Geld dazu haben.
Die eigentliche Ursache ist nicht die Finanzspekulation. Die eigentliche Ursache sind die niedrigen Zinsen. Das billige Geld sucht seinen Weg zu mehr Rendite. Wenn wir dieses urmenschliche ökonomische Verhalten zu ändern versuchen würden, müssten wir alle Märkte schließen, nicht nur die Finanzmärkte. Wenn wir dagegen etwas gegen die Teuerung bei Lebensmitteln und Energie tun möchten, müssten wir die Zinsen anheben.
Natürlich weiß das auch der Vorsitzende der amerikanische Notenbank, Ben Bernanke. Im Februar diesen Jahres hat er in einer Anhörung vor dem amerikanischen Kongress darauf hingewiesen, dass „Zu gegebener Zeit, wenn das Wirtschaftswachstum voranschreitet, die Federal Reserve anfangen muss, die finanziellen Konditionen zu straffen, um die Entwicklung von inflationären Kräften zu vermeiden.”
Im jüngsten Bericht des Federal Open Market Committees der Fed berichtet Bernanke, „Messgrößen der zugrunde liegenden Inflation sind gesunken”. Natürlich kann man sich jetzt darüber streiten, welche Definition von Inflation herangezogen werden sollte, um die die Preisentwicklung im täglichen Leben zu erfassen. Viel wichtiger ist aber die Konsequenz der Fed-Meinung.
Weil die Wirtschaft noch zu schwach ist und sich in jüngster Zeit auch wieder schwächer zeigt, will die Fed die Zinsen vorläufig auf dem extrem niedrigen Niveau beibehalten. Wie jeder Wirtschaftshistoriker weiß, und alle Notenbanker am Anfang des Quantitative Easings davor gewarnt haben, führen extrem niedrige Zinsen auf Dauer zu einer sogenannten Asset Inflation. Alles was als Besitz gehalten und gehandelt werden kann, ist eine potenzielle Investition für das vorhandene billige Geld, das seinen Weg in die Rendite sucht. Ganz früher waren das mal Tulpen, später waren es Internetaktien, vor kurzem waren es amerikanische Immobilien. Momentan sind es unter anderem Rohstoffe. Morgen sind es vielleicht Fischerei- oder Emissionsrechte.
Diese übertriebenen Preisentwicklungen, Assetblasen, werden erst dann wieder eingedämmt, wenn die Zinsen steigen. Bis dahin sind Preissteigerungen eine unerwünschte Nebenwirkung der langjährigen monetären Politik des billigen Geldes, die nach 25 Jahren Zinssenkungen so schnell nicht sterben will. Sie ist wie eine Droge, denn der angenehme positive Effekt tritt schnell ein und die negativen Folgen werden nur langsam und damit erst später sichtbar. Zudem tut der Ausstieg weh.
Der richtige Zeitpunkt für den Ausstieg ist allerdings nicht leicht zu bestimmen. Findet der Ausstieg zu früh statt, wird die Wirtschaft abgewürgt. Findet er zu spät statt, ist die Inflation bereits unter uns. Sicher ist, dass der Ausstieg kommt. Entweder bestimmt die Notenbank noch den Zeitpunkt des Ausstiegs, oder die Zinsanhebung wird durch die Investoren erzwungen. Denn irgendwann werden die Investoren sich der Finanzierung dieses riesigen Rads zu den extrem niedrigen Zinsvergütungen verweigern. China und große institutionelle Investoren sind bereits verstärkt dabei, in Alternativen zum Greenback zu investieren.
Hoffen wir, dass Bernanke den Ausstieg zum richtigen Zeitpunkt schafft.
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